Episode 1 – Sahnebärchen stellt sich vor

Schlaftrunken schlurfe ich in die Küche, gerade erst aufgewacht, noch nicht so ganz klar.

Erstmal einen Kaffee, glaube zwar nicht, dass ich mich dann wirklich fitter fühle, aber macht man halt so.

Ich höre ein Summen. Hmm.

Morgen!!!

Ich schaue mich um. Ich sehe nichts Verdächtiges. Da ist ein Regalbrett, da müsste er sitzen, wenn ich in der Arbeit wäre. Bin ich aber nicht. Es wird immer schlimmer mit mir, jetzt höre ich Geräusche und Stimmen sogar schon in meiner Privatküche.

Einen wunderschönen guten Morgen habe ich gesagt, du Muffel!

Klingt eindeutig nach Dschinn, ich sehe ihn aber nicht.

Oh, Tschuldigung, hab' mich ja noch gar nicht sichtbar gemacht.

Es flimmert. Er sitzt auf dem Regalbrett, direkt vor meiner Nase, wie ich es erwartet hätte, wäre das hier mein Arbeitsplatz. Aber ist es nicht, das hier ist bei mir zu Hause! Was macht er hier? Er kann doch jetzt nicht auch noch in mein Privatleben eindringen.

Was machst du hier? frage ich ihn. Das hier ist meine Privatküche, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.

Macht doch nichts, Küche ist Küche. Ich wollte dir nur etwas Gesellschaft leisten. Er klingt leicht beleidigt, trotzdem hält sich meine Begeisterung in Grenzen.

Außerdem bin ich hier verabredet, fügt er kleinlaut an.

Hier? In meiner Küche? Mit wem? will ich aufschreien, aber es klingelt an der Tür.

Ich habe 2 Töne, einen für unten an der Haustür, einen für oben, direkt vor der Wohnungstür. Da ich im 5. Stock ohne Lift wohne, habe ich immer noch Zeit meine Wohnung aufzuräumen, mich in Schale zu werfen oder was immer nötig erscheint zu machen, wenn es unten klingelt.

Es ist oben. Puh kann eigentlich nur meine Nachbarin aus dem 3. Stock sein. Puh, tut mir leid, die muss ich abwimmeln. Mich mit ihr unterhalten und so tun als ob keine kleinen Dschinns in meiner Küche sitzen, während besagter Dschinn mich unentwegt vollquascht und voraussichtlich ständig lacht, bis er vom Regalbrett fällt, darauf bin ich nicht vorbereitet.

Ich öffne die Tür. Da ist niemand. Ich spüre allerdings etwas an meinen Beinen vorbei streichen, könnte 'ne Katze sein. Die Katze meiner Nachbarin würde zwar hochkommen, wenn sie sich davongeschlichen hat, aber die kann nicht klingeln.

Ängstlich schaue ich runter. Es ist schlimmer als ich befürchtet habe. Es ist ein kleiner weißer Teddybär, noch etwas kleiner als der Dschinn. Ich reibe mir die Augen - es bleibt dabei, es ist ein kleiner weißer Teddybär.

Er watschelt an mir vorbei  - ist zwar ein Bär, aber er watschelt, wahrscheinlich weil er total kurze Beine hat und einen riesigen Fellranzen vor sich herschiebt - direkt in meine Küche, direkt zu meinem Kühlschrank. Er fingert eine Weile unten an der Kühlschranktür herum und kriegt sie tatsächlich auf. Er streckt sich so weit er kann und kriegt einen Becher Sahne zu fassen, der dummerweise im untersten Fach steht. Er reißt den Deckel ab und trinkt den Becher Sahne auf ex aus.

Ahhhh, jetzt geht es mir besser! piepst der Teddy mit einer piepsigen Stimme, die man kaum hören kann.

Ein wenig Sahne tropft aus seiner Schnauze auf den Boden. Die letzten Sahnespuren wischt er sich mit seinen Teddyärmchen von seiner Teddyschnauze. Auf dem weißen Fell sieht man keine Flecken.

Ahhh, jetzt geht es mir wirklich besser! Nochmal.

Hallo Sahnebärchen, da bist du ja, trötet der Dschinn. Gerade noch rechtzeitig.

Ich räuspere mich.

Der Dschinn und Sahnebärchen schauen mich an, so als würden sie jetzt erst bemerken, dass ich auch noch da bin und mit einem Anklang von: Was macht der den hier?

Das ist mein alter Kumpel Sahnebärchen, lässt sich der Dschinn endlich herab mich in meiner eigenen Wohnung zu beachten. Wir nennen ihn Sahnebärchen, weil er Sahne so gern mag. (Nein, wirklich?)

Ich schaue auf den Teddy runter und frage mich, aus welchem Märchen der Wohl entsprungen ist, aus der alten Bärenmarke-Werbung vielleicht, und muss dann doch auch mal lachen.

Und das ist Norbert, mein Koch, stellt mich der Dschinn vor.

Sahnebärchen legt den Kopf in den Nacken und sieht zu mir hoch, fixiert mich mit seinen Knopfaugen und  . . .rülpst mich an. Dann rollt er seine Knopfaugen, so als würde er gerade denken: Wen hat er sich denn da wieder geangelt? Er rollt seine Knopfaugen? Kann man Knopfaugen rollen? Na egal, mich wundert eh nichts mehr.

Musst mal was von ihm essen, Sahnebärchen, schmeckt toll, was er so macht. Superkoch. Der Dschinn lobt mich! Die wundersamen Geschehnisse nehmen kein Ende.

Wie viel Sahne brauchst Du am Tag? Und Sauerrahm? Cremé fraîche? Nimmst du auch Mascarpone? Und komm' mir ja nicht mit Küchensahne, die hat nur 10%, blafft mich der Teddy an. Wer hätte gedacht, dass ein kleines Plüschtier so aggressiv klingen kann.

Bevor ich noch irgendetwas antworten kann, piepst es in Richtung Küchendschinn: Ich mag seine Küche nicht. Damit ist das Thema erst einmal erledigt.

Kurzes Schweigen, dann fragt der Teddy den Dschinn: Kommt er?

Der Dschinn nickt. Müsste gleich da sein.

Der Teddy wirkt erleichtert. Gut.

Ich weiß, ich sollte lieber nicht fragen, tue es aber trotzdem. Wer müsste gleich da sein?

Doktor Keks, Sahnebärchen ist krank. Der Dschinn macht zu dieser Aussage ein ernstes Gesicht.

Das nun schaut so komisch aus, dass ich laut lachen muss.

Au! Der Teddybär tritt mir mit seinem Plüschbeinchen gegen den Knöchel - und es ist schmerzhaft1 Ach was soll's, die Zeit des Wunders ist schon lange vorbei.

Bevor sich nur der Gedanke in meinem tiefsten Inneren formen kann, warum das alles in meiner Wohnung auf nüchternen Magen stattfindet, klingelt es wieder, wieder oben. Hilflos gehe ich zur Tür, innerlich auf die nächste Überraschung vorbereitet, aber wenig Hoffnung wirklich darauf vorbereitet zu sein.

Ich öffne die Tür.

Und es ist eine Überraschung. Damit habe ich nicht rechnen können, selbst in meinen wildesten Phantasien nicht. Vor mir steht ein Mensch, zwar auch nicht sehr groß, so 1,50, genauso pummelig wie Sahnebärchen und genauso weiß. Blütenweißer Arztkittel, weiße Arzthose, weiße Arztschuhe, weißes Arzthaar - äh schlohweißes Haar und davon viel, eine richtige Mähne. Aber insgesamt ein richtiger Mensch!

Um den Hals hängt ein uraltes Stethoskop, in der Hand hält er so eine Leder-Arzttasche, wie ich sie nur noch aus uralten Filmen kenne.

Hektisch drängelt er sich an mir vorbei, schnurstracks in die Küche.

Was ist das Problem? Schnell, ich habe noch andere Patienten, die meiner Hilfe bedürfen.

Ich habe so weiße Flecken in meinem Fell, überall, sie werden immer größer. Und ich fühle mich so . . . , erklärt der Bär.

Doktor Keks greift in seine Brusttasche, zieht eine Brille heraus und setzt sie schief auf die Nase. Die Gläser sind mindestens 1 cm dick. Er wühlt in seiner Tasche. Für einen Mann in Eile wühlt er ziemlich lange. Sahnebärchen tritt nervös von einem Beinchen auf das andere, in seiner watschelnden Art. Der Dschinn grinst. Als er sieht, dass ich es sehe, wird er sofort wieder ernst. Ich verkneife mir das Lachen. Noch so eine Überraschung, er ist schon seit 5 Minuten ruhig, kein Wort.

Schließlich zieht der Arzt eine Lupe aus der Tasche, riesengroß. Wie passt denn die überhaupt in die Tasche? Und wieso hat er bei der Größe so lange gebraucht um sie zu finden?

Er bückt sich, packt Sahnebärchen am Nackenfell wie eine Katze und stellt ihn auf den Tisch. Intensiv betrachtet er das Plüschfell mit seiner Monsterlupe durch seine dicken Brillengläser.

Ts,ts,ts . . .,hört man ihn ab und zu murmeln. Ts,ts,ts....

Ich glaube, Sahnebärchen wird ganz blass, weißer als weiß sozusagen.

Mit einem abschließendem ts, ts, ts und einem leichten Kopfschütteln schiebt Doktor Keks seine überdimensionale Lupe in die Arzttasche - sie passt rein - nimmt die Brille ab, steckt sie in die Brusttasche seines Kittels. Er richtet einen strengen Blick auf den Teddybären.

Sahne, eindeutig zu viel Sahne! fällt er sein fachmännisches Urteil.

Und was noch? fragen der Dschinn un Sahnebärchen wie aus einem Munde.

Ektoplasma, eindeutig zu viel Ektoplasma! Ich empfehle Umschläge mit gefrorenem Spinat. Und Spinat-Eiswürfel lutschen, viel Spinat-Eiswürfel lutschen.

Und vielleicht . . ., will der Dschinn vorlaut einwerfen.

Ruhe! schnautzt Doktor Keks ihn an. Ich bin hier die Koryphäe! Umständlich schließt er seine schwarze Arzttasche, prüft drei Mal, ob sie auch wirklich verschlossen ist. zieht seinen Arztkittel gerade, der über seinem Bauch bedenklich spannt. Zuviel Sahne, eindeutig zu viel Sahne, würde ich sagen, behalte den Gedanken sicherheitshalber aber für mich.

So, ich muss weiter. Andere Patienten bedürfen dringend meiner Expertise, sprachs und stürmt aus meiner Wohnung.

Jettz geht es mir schon viel besser, bemerkt Sahnebärchen, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen ist.

Aber warum? Ich dachte, du liebst Sahne über alles und jetzt hat sie dir der Arzt verboten, will ich naiv fragen, aber der Dschinn lacht schon wieder und lässt mich gar nicht aussprechen.

Das mit der Sahne sagt Doktor Keks immer, das meint er nicht so. Das zweite ist wichtig.

Hast du noch einen Becher Sahne für mich, wirft Bärchen ein, wegen der Anspannung, du verstehst.

Nein, ich bedaure, Sahne ist aus.

Du solltest mehr Sahne im Haus haben. Sahne darf niemals ausgehen, das ist wichtig, tadeld mich der Teddy. Dann muss ich los, ich bin schon ganz zittrig vor Sahne-Entzug. Wo ist meine Weste?

Du hattest keine Weste an, sage ich. Der Dschinn lacht.

Das sagen sie immer!

Verstehe ich jetzt nicht, muss ich wohl auch nicht verstehen.

Was ich noch fragen wollte, hast du was von Cousin Biber gehört, Dschinn? frägt der Bär.

Der wollte eigentlich auch vorbei schauen. Hat es wohl nicht geschafft, antwortet der Dschinn.

Er hat sich nicht getraut. Der Doktor hätte ihm sicher wieder die Peperoni-Brause verboten, das mag er nicht hören. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wir sehen uns. Der Bär redet nur noch mit dem Dschinn, ich bin wieder nicht mehr vorhanden.

Trotzdem öffne ich ihm die Tür. Er schlüpft hinaus. Wie kommt der eigentlich die Treppen runter, bei den Füßen, frage ich mich? Ich gehe hinterher ins Treppenhaus, spähe die Treppen hinunter, nichts zu sehen, nichts zu hören, einfach weg. Ich gehe zurück in die Wohnung

Cousin Biber, wer ist das denn? frage ich den Dschinn, der gerade seine Finger in der Zuckerdose hat, die auch auf dem Regalbrett steht, auf dem er sitzt.

Ach das ist ein alter Kumpel von mir. Früher wurde er Vetter Biber von allen genannt, aber das führte zu Missverständnissen und hat ihn verärgert. Cousin Biber will niemand verärgern. Wirst ihn schon noch kennenlernen.

Nein Danke, kein Bedarf!

 

 

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